Leben wie vor dreihundert Jahren – LiG-Schüler auf Zeitreise
120 Schülerinnen und Schüler des LiG im Museumsdorf Cloppenburg
„Was? Kein Fernseher? Kein Handy? Kein Radio?“ – Nein, auch keine Heizung, kein eigenes Bett, nicht einmal fließendes Wasser. Für viele Schüler ist es heute kaum vorstellbar, wie Menschen in Norddeutschland vor 200 oder 300 Jahren gelebt haben. Darum haben alle vier siebten Klassen des Lichtenberg-Gymnasiums im Rahmen des Geschichtsunterrichts am 20. Oktober den Klassenraum in das Niedersächsische Freilichtmuseum in Cloppenburg verlegt und dort viel über das Leben und den Alltag vergangener Zeiten gelernt. Dabei war von Anfang an Selbermachen angesagt. Passend zur Witterung und den kalten Temperaturen kochten zwei Klassen unter fachkundiger Anleitung wie vor zweihundert Jahren über offenem Feuer in einem gusseisernen Kessel einen Eintopf mit dem, was Feld und Garten um diese Jahreszeit hergeben, vor allem Möhren und Kohl. Abgebunden wurde das Ganze mit Hafergrütze; die Kartoffel war zu jeder Zeit im streng katholischen Südoldenburg verpönt, schließlich war sie von Friedrich II., dem „Alten Fritz“, einem Protestanten, in deutschen Landen eingeführt worden. Das Ergebnis konnte sich sehen oder vielmehr schmecken lassen, obgleich der eine oder andere Jungkoch meinte, „jeden Tag könnte ich das aber nicht essen“ – wohl wissend, dass dieser Eintopf damals ein Standardessen vor allem der ärmeren Landbevölkerung war.
Eine andere Klasse ließ sich unter fachkundiger Anleitung zu Schreibmeistern ausbilden: Eifrig wurden Federkiele bearbeitet, in Tinte getaucht und Frakturschrift geübt. Am Ende des Schnellkurses konnten die jungen Nachwuchsschreiberinnen und -schreiber stolz ihre Schreibmeister-Urkunden präsentieren.
Auch die vierte Gruppe konnte etwas mit nach Hause nehmen – selbst gemachte Butter, die die Schülerinnen und Schüler in kleinen Butterfässern aus Rahm selbst hergestellt hatten. Trotz der Kälte in dem zugigen, ungeheizten alten Hof war von den kleinen Buttermeistern keiner am frieren – alle hatten sich an den Butterfässern warm gearbeitet im Takt des „Butterliedes“: „Oh wat klötert dat in min Botterfatt…“. Dabei merkten einige schnell, dass es mit dem Buttern wie mit der Schule ist, dass nämlich Ausdauer und Beharrlichkeit (meistens) zum Erfolg führen.
Zusätzlich zu den Mitmachaktionen erfuhren die Schüler in einer Führung durch das Museumsdorf allerhand Spannendes und Wissenswertes über das ländliche Leben in vergangenen Jahrhunderten und lernten dabei auch die Herkunft von allerlei Redewendungen – „steinreich“ etwa waren die (wenigen) Bauern, die sich ein Haus aus Steinen leisten konnten, und da es selbst in diesen Steinhäusern keine Toiletten gab, konnte man sich bei der Notdurft auf freiem Feld leicht „in die Nesseln setzen“.
Besonders beeindruckt waren die Pennäler von der alten Dorfschule. In ihr wurden im 18. Jahrhundert in einem Raum von 24 Quadratmetern bis zu 60 Kinder der Klassen 1 bis 8 gleichzeitig unterrichtet – Raumnot an öffentlichen Schulen war anscheinend schon immer ein aktuelles Thema. Dabei standen, wie die Inschrift über der Tür des Schulhauses verkündet, „Gottesfurcht und Tugend“ im Vordergrund; die Mathekenntnisse hingegen genügten, wenn Schüler nach der achten Klasse die Grundrechenarten im Zahlenbereich bis 100 beherrschten. Trotz der geringen Anforderungen in Mathematik waren sich alle einig, dass sie doch lieber in eine moderne Schule gehen. Dabei war für die Schülerinnen und Schüler gar nicht die geforderte Disziplin oder die stets drohende Prügelstrafe mit dem Rohrstock das Schlimmste, sondern der Gedanke, dass der Dorfschullehrer von den Eltern der Schüler versorgt wurde und nach Schulschluss reihum zu einem der Schüler mit zum Mittagessen kam.
In einer abschließenden Museumsralley konnten die Schülerinnen und Schüler ihre neu erworbenen Kenntnisse noch einmal überprüfen und vertiefen. Während auf der Rückfahrt einige schnell wieder in das Jahr 2009 zurückfanden und sich mit Schokoriegeln den Magen füllten und mit ihren Mobiltelefonen spielten, betrachteten andere stolz ihre Urkunden und Buttergläser. Manch einer sinnierte dabei über die vielen neuen und spannenden Eindrücke – und vielleicht auch darüber, dass Eintopf nicht (nur) aus der Dose und Butter (ursprünglich) nicht aus dem Kühlregal kommt.
Thorsten Engler